Das Undarstellbare darstellen

Maria Malczewska-Bernhardt photoBilder von Maria Malczewska animieren zur Reflexion. Sie appellieren an die Sensibilität und jene Phantasie des Kunstrezipienten, die imstande ist, über die Sphäre konkreter, materieller, direkt greifbarer Faktizität hinauszugehen und greifen auf die Fähigkeit des Erkennens von allgemeinen Bedeutungen und des allgemeinen Sinns zurück. Im Grunde genommen ist diese Art der Sensibilität im Verständnisprozess jedes wertvollen Kunstwerkes unerlässlich, das seinem Wesen nach eine künstlerische Botschaft ist, ein Kommuniqué, das in ein konkretes, materielles Medium verwickelt ist. Die Methoden, sich zu vergegenwärtigen, was die Kunst uns mitteilt, können verschieden sein und sind es auch, ihre Wahl liegt dem bestimmten Stil des Künstlers bzw. einer bestimmten künstlerischen Epoche zu Grunde. Wichtig ist jedoch jedes Mal, dass in einem konkreten Werk zwei Komponenten entsprechend miteinander harmonisieren: das “Was“ und das “Wie“ und dass der Sinn des Werkes nicht auf eine von beiden reduziert wird.

Das Hervorrufen und Vergegenwärtigen von neuen Bedeutungen, die ständige Verbreiterung des Universums des menschlichen Geistes ist die Hauptaufgabe der Kunst, die der Vorposten jeglicher Erkenntnis ist. Der Autor der philosophischen Hermeneutik, Hans-Georg Gadamer, hat diese Aufgabe treffend als die “Verschanzung und Befestigung des Sinns in der Festung künstlerischer Darstellung“1 formuliert. Ähnlich dachte über die Kunst Max Scheler, sie geistige “Wertsubstanz“ benennend, die sich in einer sinnlichen, materiellen Form zeigt, die zugleich ihr Vorhang, Kleid und Gewand ist2.

Originalität und künstlerischer Mut von Maria Malczewska bestehen in ihrer Leistung, das grundsätzliche Funktionsprinzip der Kunst treffend und zum Mitdenken provozierend darstellen zu können. Angesichts der überwältigenden Fülle an Ausdrucksmitteln, über die das heutige künstlerische Schaffen verfügt, inmitten einer wahren Kakophonie von Formen, Farben, technischen Tricks hat sich die Künstlerin bewusst dafür entschieden, eigene Mittel der Expression zu reduzieren: Mit ausgezeichneter Fertigkeit gibt sie in der traditionellen Pastelltechnik geheimnisvolle und beunruhigende Formen wieder, deren Anwesenheit sich hinter einem Vorhang der dicht gefalteten Materie abzeichnet.

Die Bilder von Maria Malczewska sind auf vielen Ebenen der künstlerischen Struktur mehrdeutig. Für Pastellkompositionen haben sie untypisch große Formate (1m x 1,5m oder 1,5m x 2m). Die handwerkliche Raffinesse und eine gewissenhafte Ausarbeitung der Darstellungsdetails kontrastieren mit der Sanftheit der Pastelltechnik. Unter den malerischen Darstellungen finden wir geduldig zurechtgelegte Stofffalten, mal zerknittert und natürlich hingeworfen, mal raffiniert drapiert, jedoch jedes Mal mit dem eines Renaissance- oder Barockmeisters würdigen Können wiedergegeben. Die entsprechend ins Bild gesetzten Formen der in einem fiktiven Raum befindlichen Drapierungen legen vielschichtige Wahrnehmungsmöglichkeiten nahe: vom Genuss „der in Einklang gebrachten bedeutsamen ästhetischen Qualitäten” - gemäß der Ästhetik von Roman Ingarden - bis zur Entdeckung von Bedeutungen, die in den dargestellten Formen nach den Regeln der Gestaltpsychologen verborgen sind. Es sind ungewöhnliche Bilder, auch auf der Ebene der Möglichkeiten der semantischen Interpretation, was die Malerin dank eines arrangierten Aufeinanderprallens einer realistischen Darstellung mit einer starken Suggestion eines nicht näher bestimmbaren, aber aktuellen Vorhandenseins eines Geheimnisses, erreichte.

In der Malerei von Maria Malczewska machen sich zwei parallele Richtungen oder Arten der künstlerischen Gestaltung bemerkbar: [1] Bilder, die scheinbar „nicht darstellend” und „quasi-abstrakt” sind, die keine deutlichen, nahe liegenden gegenständlichen oder figurativen Assoziationen aufwerfen und Bilder [2] mit einem Interpretationsschlüssel, die in ihrer Form eine Art semantischen Wegweiser beinhalten. Das kommt besonders stark zum Vorschein in den Kompositionen, die durch die Formenanordnung die Anwesenheit eines verhüllten Gegenstandes oder des Umrisses einer menschlichen Gestalt suggerieren. Aber auch in diesen Bildern vermag nur unsere Vorstellungskraft die Bedeutung der anonymen, verhüllten Realität zu ergänzen und zu konkretisieren und mit eigener Kraft die „Stellen der Unbestimmtheit“ zu vervollständigen.

„In der Beschränkung der Mittel zeigt sich erst der Meister“, sagte Goethe. Die künstlerische Absicht und die Realisierung der Bilder von Maria Malczewska bestätigen die Richtigkeit dieses Grundsatzes. Ihre Bilder sind faszinierend, unter Anwendung einer geringen Anzahl Mittel hat sie eine einzigartige Art von Konzentration und zugleich Spannung, von innerer Dynamik, die für wahrhaftig wertvolle Werke kennzeichnend ist, erzielt. Kompositionen von Maria Malczewska wirken, trotz der äußeren Ähnlichkeit einzelner Werke, die aus der bewussten Einschränkung des Bereiches der künstlerischen Suche resultiert, unnachahmlich und einmalig. Die Attraktivität dieser Bilder leitet sich auch von der Möglichkeit her, ihre Formen und Inhalte auf die europäische Kulturtradition, darunter auch ihre hervorragendsten Vorbilder, zurückzuführen. Es strahlt von ihnen eine Atmosphäre aus, mit der sich einige griechische Skulpturen auszeichnen, insbesondere diejenigen Frauenfiguren, die die mit reichlich gefalteten Gewändern bekleideten Mnemosyne und Musen darstellen. Das Gewand war in der visuellen europäischen Kultur ein Bild und zugleich Ausdruck des Funktionierens der Wahrheit als aletheia, fundiert auf der Oszillationsbewegung zwischen Verdecken und Offenheit, zwischen Vergessen und aus dem Gedächtnis abrufen. Es ist ebenfalls ein exemplum für das Funktionieren eines Symbols nach dem Prinzip der Funktionsanalogie vom Enthüllen und zugleich dem Bedecken, welches ein Schutz ist. Seine Rolle machte bewusst, dass zur Natur der kulturellen symbolischen Überlieferung die unaufhörliche Erkennung des Sinns gehört. Die griechische Göttin Mnemosyne, die Personifizierung des Gedächtnisses, war zugleich die Mutter der Musen, die in der europäischen Tradition Patroninnen verschiedener Fertigkeiten des menschlichen Geistes waren. Die kulturelle Aktivität des Menschen ist möglich und vollzieht sich gerade dank seinem Erinnerungsvermögen - auch durch die Erinnerung an Kultursymbole, welche den Sinn der Mühen der menschlichen Existenz aufbewahren, an Symbole als nicht offenbarte Inhalte, die der Enthüllung und Bestimmung in einer freien Interpretation bedürfen, ähnlich wie die in eine undurchsichtige Materie eingehüllten Formen in den Bildern von Maria Malczewska.

Kompositionen der Künstlerin rufen eine Fülle und Tiefe von Gedanken über den Sinn der menschlichen Existenz und der kreierten Kultur hervor. Sie verweisen auf die antike und christliche Symbolik des Gewandes, als materiellen, sichtbaren Teil der Schöpfung. Sie führen den Betrachter zu den hervorragenden Vorbildern zurück, wie es die Werke der Künstler des europäischen Mittelalters, der Renaissance und des Barock sind, in denen meisterhaft wiedergegebene Gewandformen eng mit der geistigen Botschaft des gesamten Werkes verbunden waren.

Das Schaffen von Maria Malczewska verläuft in gewissem Maße ebenfalls parallel zum Sinngehalt der Unternehmungen mancher zeitgenössischen Künstler, wie z.B. emballages von Tadeusz Kantor oder zu Aktionen von Christo, die darin bestehen, Naturobjekte oder Zeugnisse der Kultur in Stofftücher einzuhüllen, als sui generis „in Klammern setzen“. Sowohl in den Errungenschaften dieser Künstler als auch in den Werken von Maria Malczewska geht es darum, die Phantasie des Kunstrezipienten anzuregen und seine routinierte Weltsicht aufzufrischen. Einzigartiges Eigentum der Bilder der Künstlerin ist jedoch deren tiefes Eintauchen in die Tradition, der Versuch, einen Dialog mit ihrer Symbolik herzustellen unter Beibehaltung des Kammercharakters sowie Diskretion bei Ausdrücken von Assoziationen, Gefühlen und Gedanken - sowohl solcher, die sich auf von der Gegenwart entfernte Angelegenheiten beziehen, als auch solcher, die eng mit den Problemen unserer Zeit verbunden sind. Zu dieser Art von Gefühlen und Stimmungen würde ich die deutliche Evokation des Klimas der Entfremdung des Individuums in der gegenwärtigen Gesellschaft zählen, eine Situation, die den Bewohnern der Großstadtzivilisation gut bekannt ist.

Maria Malczewskas Kompositionen sind paradoxe Bilder der Grenzen unserer Existenz - ein Geheimnis, das ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Schicksals ist. Sie regen die Phantasie des Betrachters an, sie rühren an den in ihr steckenden, im Unterbewusstsein erstarrten Bildern und Symbolen, Verdrängungen und Erinnerungen. Sie animieren uns zum Nachdenken über das Wesen der Dinge, das hinter dem Wandschirm fester Materie versteckt ist. Ihre Ausdruckskraft schöpfen sie aus dem ausdauernden Versuch das Undarstellbare darzustellen.

Franciszek Chmielowski

Franciszek Chmielowski, Dr. habil., Professor
der Kunstakademie in Krakau
Leiter des interfakultären Lehrstuhls für Geschichte
und Theorie der Kunst

 

 

MARIA MALCZEWSKA-BERNHARDT

Absolvierte das staatliche Kunstgymnasium in Oppeln. In den Jahren 1970-1977 Studium an der Kunstakademie in Krakau am Fachbereich Malerei im Atelier von Prof. Włodzimierz Buczek und Prof. Zbylut Grzywacz. Diplom im Jahr 1977. In den Jahren 1980-1982 postgraduales Studium am Fachbereich Bühnenbildnerei für Theater und Film an der Kunstakademie in Krakau. Seit Beenden des Studiums führt sie ununterbrochen ihre künstlerische Tätigkeit aus.

Die Arbeiten der Künstlerin befinden sich in Museums-, Stadt- und Privatsammlungen u. a. in: Belgien, Deutschland, Frankreich, Holland, Österreich, Polen, der Schweiz, Slowakei und USA.

 

Ausstellungen und Beteiligungen (Auswahl):

1977• Galerie MPiK, Kraków (PL)
1978• „Absolventen”, Kunsthalle, Chorzów (PL)
1979• „Generationen - Tendenzen”, Kunsthalle, Kraków (PL)
• „Absolventen PLSP”, Museum des Oppelner Schlesiens, Opole (PL)
1980• Pleinair Ausstellung, Museum, Rawicz (PL)
1981• „Absolventen II”, Galerie Pryzmat, Kraków (PL)
1983• „Künstler aus Krakau”, Kunsthalle, Nürnberg (D)
1984• Galerie „A” P.P. Desa, Kraków (PL)
1986• Foyer des Staatstheaters, Darmstadt (D)
1987• Galerie Wiethoff, Düsseldorf (D)
• Galerie Großer Bachem, Köln (D)
• Osteuropäisches Kulturzentrum, Köln (D)
1988• Foyer des Staatstheaters, Darmstadt (D)
• Internationale Pleinair Ausstellung, Gavorrano (Toskana) (I); Mathildenhöhe, Darmstadt (D)
• „Salon zimowy”, Galeria Zwiazku Artystów Plastyków, Dusseldorf (D)
1989• „5 im Zollhof 3”, Zollhof, Düsseldorf (D)
• Internationale Pleinair Ausstellung, Mirabel (Ardeche); Château Communal, Hauterives (F); Mathildenhöhe, Darmstadt (D)
1990• „Kunst im TVG”, Düsseldorf (D)
• „Kunstspektrum”, Kunstpalast, Düsseldorf (D)
• Kunstausstellung Stadthalle, Neuss (D)
1991• Ausstellungsforum des BBK, Düsseldorf (D)
• Galerie Ulrich Gering, Frankfurt am Main (D)
• „Art Cologne”, Galerie Ulrich Gering, Köln (D)
1992• „Treffpunkt Düsseldorf”, Landesmuseum Volk u. Wirtschaft, Düsseldorf (D)
• „Art Basel”, Galerie Ulrich Gering, Basel (CH)
• „Art Cologne”, Galerie Ulrich Gering, Köln (D)
1993• „Europa Unlimited”, Schloß Neersen, Neersen (D)
• „Art Cologne”, Galerie Ulrich Gering, Köln (D)
1994• „Polnische Künstler in Deutschland - Heute”, WDR Fernsehen, Köln (D)
1997• „Kunstpunkte”, Offene Ateliers, Düsseldorf (D)
1998• „Hinter der Fassade”, Galerie Ulrich Gering, Frankfurt am Main (D)
1999• „Kunstpunkte”, Offene Ateliers, Düsseldorf (D)
2000• „Kunstpunkte”, Offene Ateliers, Düsseldorf (D)
2002• „20 Jahre Internationales Künstlerpleinair in Mirabel - Frankreich 1981-2001”, Kunstpalast, Kraków (PL)
• „Internationale Pastell Biennale”, Kunsthalle, Nowy Sącz (PL); Staatliche Kunstgalerie, Zakopane (PL)
2003• Kunstpalast, Kraków; Kunstgalerie BWA „Zamek Książ”, Wałbrzych; Schloß der Pommern Prinzen, Szczecin; Kunsthalle, Olsztyn; Galerie Moderner Kunst PROFIL, Kulturzentrum „Zamek”, Poznań; Kunsthalle, Ostrowiec Świętokrzyski; Galerie Moderner Kunst, Kołobrzeg; Kunsthalle, Bydgoszcz (PL)
2004• Kulturzentrum, Mielec (PL); Kunsthalle, Bielsko Biała (PL); Regionalmuseum, Sandomierz (PL); Kunsthalle, Sieradz (PL); Galerie des Hauses des Künstlers, Warszawa (PL); Galerie Kralingen, Rotterdam (NL)
• „Kunstpunkte”, Offene Ateliers, Düsseldorf (D)
2005• „Beziehungsweise”, Elisabethenstift, Darmstadt (D)
• Zeit und Ewigkeit”, Großen Kunstgalerie, Essen (D)
2008• XIII. Internationale Symposium der Malerei, Erbschaft von Cyryl und Metody, Mojmirowce (SL)
2009• „Nowohucki Salon Sztuki”, NCK, Kraków (PL)
2011• „Internationale Pastell Biennale”,Kunsthalle, Nowy Sącz (PL); Kunstpalast, Kraków (PL)
• „Alles auf Papier”, Galerie Ulrich Gering, Frankfurt am Main (D)
• „Winterausstellung”, Inter Art Galerie Reich, Köln (D)
2012• „2500 cm2 - Malen im Quadrat”, Galerie Ulrich Gering, Frankfurt am Main (D)
• Museum des Oppelner Schlesiens, Opole (PL)
• 24. Festival der Modernen Polnischen Malerei, Galerie ZPAP, Szczecin (PL)
2013 • „Malarstwo i Rysunek”, Galeria CENTRUM NCK, Kraków (PL)
• „Nowe Prace”, Galeria Ulrich Gering, Frankfurt / Main (D)
• „Miedzynarodowe Biennale Pasteli”, BWA Nowy Sacz (PL) Palac Sztuki, Kraków (PL)
 
2014 • Lwowska Narodowa Galeria Sztuki im. Borysa Woznyckiego, Lwów (UK)
• „Teatr zycia”, malarstwo, Muzeum Narodowe, Zamek Nowy Wisnicz (PL)
• „Teatr zycia, malarstwo i rysunek, Muzeum Dwory Karwacjanów i Gladyszów, „Kasztel w Szymbarku”, Szymbark (PL)
• „Teatr zycia”, Malarstwo, BWA, Sanok, (PL)